Mit einer öffentlichen Auftaktveranstaltung ist das neue LOEWE-Zentrum DynaRel gestartet.

Wie lassen sich die komplexen Beziehungen zwischen Judentum, Christentum und Islam besser verstehen? Um diese Frage ging es bei der ersten öffentlichen Veranstaltung des neuen LOEWE-Zentrums „Dynamiken des Religiösen“ (DynaRel) am 22. Juni.
Den Abend eröffnete die stellvertretende Sprecherin des Zentrums, die Frankfurter Islamwissenschaftlerin Armina Omerika. „Das Zentrum ist aus gemeinsamer wissenschaftlicher Neugier, institutioneller Unterstützung und der Bereitschaft vieler Menschen entstanden, über Fachgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Wir sind überzeugt, dass diese Kooperationen auch künftig wichtige Impulse für die wissenschaftliche Landschaft und die Gesellschaft liefern werden.“
Hessens Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, Timon Gremmels, und Bernhard Brüne, Vizepräsident der Goethe-Universität Frankfurt, meldeten sich per Videobotschaft zu Wort. DynaRel sei das erste ausschließlich geistes-, sozial- und erziehungswissenschaftliche LOEWE-Zentrum und nehme damit eine besondere Stellung innerhalb der hessischen Forschungsförderung ein, betonte Minister Gremmels. Professor Brüne hob die enge Zusammenarbeit der beteiligten Universitäten und Forschungseinrichtungen hervor sowie die Bedeutung interdisziplinärer Forschung für den Erfolg des Zentrums.
„Erhebliches Potenzial für Dialog“
In einer weiteren Videobotschaft skizzierte der Sprecher des Zentrums, Christian Wiese, die wissenschaftliche Ausrichtung von DynaRel und ordnete die Arbeit des neuen Forschungsverbunds in einen größeren Zusammenhang ein. Wiese lenkte die Aufmerksamkeit insbesondere auf den Aspekt der Ambivalenz religiöser Nachbarschaften zwischen Judentum, Christentum und Islam. Vorstellungen einer Harmonie oder Gegnerschaft der drei Traditionen seien vereinfachend und griffen zu kurz: „Diese in sich vielfältigen Religionen, wie andere Traditionen auch, bergen ins sich ein erhebliches Potenzial für Dialog und ein friedliches Zusammenleben. In bestimmten politischen Konstellationen waren und sind sie jedoch selbst eine Quelle für mitunter brisante Konflikte und exklusive Glaubensvorstellungen, die den demokratischen Zusammenhalt in pluralistischen Gesellschaften oder das friedliche Zusammenleben ganzer benachbarter Kulturen in Frage stellen können. Beides wollen wir differenziert, mit interdisziplinären Methoden und aus interreligiöser Perspektive erforschen.“
“What Does History Have to Do with Prophecy? Past and Future in Islam, Christianity, and Judaism“ – so hatte der Historiker David Nirenberg (Institute for Advanced Study, Princeton) seinen Keynote-Vortrag überschrieben. Darin ging er der Frage nach, wie Vorstellungen von Vergangenheit und Zukunft das Denken in Judentum, Christentum und Islam seit jeher geprägt haben und bis heute prägen. Er machte deutlich, dass historische Perspektiven dabei helfen können, gegenwärtige religiöse und gesellschaftliche Dynamiken besser zu verstehen und so den Gefahren historisch entstandender wechselseitiger Fremdbilder bewusster zu begegnen. Auf diese Weise könnten die drei Religionen ihr Miteinander auf der Grundlage der konstruktiven Elemente der gemeinsamen Geschichte jüdisch-christlich-islamischer Beziehungen gestalten. Daran knüpft sich die Frage nach der gesellschaftlichen und politischen Dimension historischen Forschens zu den Beziehungen der drei Traditionen an: Inwiefern sind heutige Vorstellungen von Zukunft und die politischen Wege zu ihrer Gestaltung durch vergangene Debatten zwischen Christen, Muslimen und Juden geprägt?

“Es war bewegend zu sehen, wie viel Expertise und wissenschaftliches Potenzial zur Eröffnung des LOEWE-Zentrums zusammenkam.”
David Nirenberg | Historiker, Institute for Advanced Study, Princeton
ⓒ Uwe Dettmar
Nirenberg zeigte sich beeindruckt vom Auftakt des neuen Forschungsverbunds: „Es war bewegend zu sehen, wie viel Expertise und wissenschaftliches Potenzial zur Eröffnung des LOEWE-Zentrums zusammenkam. Besonders inspirierend ist die Fähigkeit des Projekts, Forschende unterschiedlicher Disziplinen und religiöser Traditionen zusammenzubringen, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie Judentum, Christentum und Islam unsere Welt prägen.“
Um Perspektiven einer interdisziplinären Religionsforschung ging es auch in der sich anschließenden Podiumsdiskussion mit Raida Chbib (Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft, Goethe-Universität Frankfurt), Nathan Gibson (Institut für Religionswissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt), David Nirenberg, Yossef Schwartz (Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas, Tel Aviv University) und Sita Steckel (Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt), die von Christian Ströbele (Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart) moderiert wurde. Wie lassen sich die komplexen Beziehungen zwischen Judentum, Christentum und Islam aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln erforschen? Welchen Beitrag können historische, religionswissenschaftliche, theologische sowie sozial- und kulturwissenschaftliche Zugänge dazu leisten? Deutlich wurde, dass die Erforschung der Beziehungen zwischen Judentum, Christentum und Islam vom Zusammenspiel unterschiedlicher fachlicher Perspektiven profitiert. Die Vielfalt der im Zentrum vertretenen Disziplinen sowie die Verbindung historischer und theoretischer Fragestellungen mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen wurden als besondere Stärke von DynaRel hervorgehoben.

ⓒ Uwe Dettmar
An der Podiumsdiskussion zu Perspektiven einer interdisziplinären Religionsforschung nahmen teil: Raida Chbib (Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft, Goethe-Universität Frankfurt), Nathan Gibson (Institut für Religionswissenschaft, Goethe-Universität Frankfurt), David Nirenberg, Yossef Schwartz (Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas, Tel Aviv University) und Sita Steckel (Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt). Moderator war Christian Ströbele (Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart).
„Historische Forschung ist für das Verständnis der Gegenwart unverzichtbar“
„Es war ausgesprochen inspirierend, dass David Nirenberg im Rahmen der Auftaktveranstaltung seine Überlegungen zur Verflochtenheit von Judentum, Christentum und Islam – die für DynaRel-Zentrums ja ganz zentral sind – persönlich vorgestellt hat. Sein Vortrag und die darauffolgende Podiumsdiskussion zeigten mir als Sozialwissenschaftlerin ein weiteres Mal, warum historische Forschung für das Verständnis der Gegenwart unverzichtbar ist“, mit diesen Worten beschloss die Marburger Soziologieprofessorin und stellvertretende Sprecherin des Zentrums Antje Röder den offiziellen Teil der Veranstaltung.
Im Rahmen des vom Land Hessen im Rahmen des LOEWE-Programms geförderten Zentrums erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Goethe-Universität Frankfurt, der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen gemeinsam die vielfältigen religiösen, kulturellen und politischen Dynamiken zwischen Judentum, Christentum und Islam. DynaRel verbindet historische Grundlagenforschung mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen. Kennzeichnend für den Forschungsverbund ist die enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen sowie der Austausch mit Partnerinnen und Partnern aus Bildung und Zivilgesellschaft.
Anja Glaser