18. Februar @ 09:00 – 17:00
Das aktuelle Interesse an einer Erforschung der Affekte bewegt sich nicht im luftleeren Raum, sondern in einem spezifischen zeitgenössischen Horizont. Dieser entwirft eine doppelte Genealogie des Affekts als jenem Anderen der Moderne, welches in ihr widerkehrt, sie heimsucht und stört und welches es daher einzuhegen, zu regulieren oder aber immunologisch zu verarbeiten gilt. In dieser zeitgenössischen Genealogie des Affekts gibt es vor allem zwei konkurrierende Interpretationen, um den Ort des Affekts im Zusammenspiel von Subjekt und symbolischer Ordnung zu bestimmen:
- Eine erste ‚repressive‘ Lesart des Affekts sucht diesen am Ort eines „gepufferten Selbst“ auf. Sie sieht das Subjekt als Ort an, an dem Emotionen und Affekte erzeugt und reguliert werden und geht davon aus, dass Affekte privat und intim sind, dass sie von innen gezügelt und abgedämpft werden können. Auch die Spätmoderne und ihre Kulturindustrien erscheinen in diesem Zusammenhang – mit einer adornianischen Wendung gesprochen – als „post-emotional“: In ihr werden dem Subjekt affektiv intensive Pakete vorgeschrieben, um eine konsumtive Reaktion hervorzurufen und die affektive Kraft nutzenbringend zu steuern.
- Eine zweite ‚expressive‘ Lesart des Affekts besagt hingegen, dass nicht Unterdrückung, sondern ein emotionaler Expressivismus die spätmoderne Kultur kennzeichnet. Dementsprechend sei es gerade der Individualismus einer unbedingten ‚Hinwendung zu unserem authentischen und besseren Selbst‘, der anstelle einer Askese des Affekts ein offenes Zelebrieren des Affektiven in narzisstischen Therapien und (geschlechtsspezifischer) Sentimentalität sanktioniere. Als Konsequenz ergebe sich, dass Emotionen und Affekte die öffentliche Sphäre mehr und mehr korrumpieren und aus dem Horizont des Demokratischen möglichst ausgeschlossen werden sollen.
Die Struktur beider Narrative setzt ein problematisches, antipodisches Verhältnis zwischen ‚Vernunft‘ und ‚Affekt‘ voraus, welches die zeitgenössische Neurowissenschaft, die Philosophie der Emotionen und die Affekttheorie in Frage stellen. Zugleich räumen letztere jedoch implizit ein, dass auch sie den Affekt weiterhin als eine konsistente verkörperte Technologie des Selbst ansehen und adressieren wollen. Vor diesem Hintergrund lautet die Frage, der sich dieser Workshop widmen will, wie die ‚Kraft‘ des Affekts zu verstehen wäre, wenn sie nicht vom Subjekt ausgeht und bloßer Teil seiner Selbstkonstitution innerhalb einer symbolischen Ordnung ist, sondern sich in dieser und ihr gegenüber selbst als Subjekt konstituiert. Für eine solche Untersuchung der affektiven Kraft können verschiedene Ansätze herangezogen werden, von phänomenologischen über psychoanalytische bis hin zur Kritischen Theorie. Doch was sie für unsere Zwecke miteinander verbinden könnte, ist die Frage, welchen Beitrag sie zu einer affektiv indizierten Religionsphilosophie leisten können. In einer solchen Perspektive wäre davon auszugehen, dass das, was die Religion ausmacht, eine Reihe von affektiven Kräften ist – oder Kräfte, die von der Ebene des Affektiven ausgehen. Wie aber können diese Kräfte philosophisch artikuliert und analysiert werden? Und auf welche Weise könnte eine solche Analyse dazu beitragen, den religionsphilosophischen Diskurs zu gestalten, der oft zwischen den veralteten, zweigeteilten Erzählungen von Vernunft und Emotion gefangen ist?
Der Workshop wird Beiträge aus dem Embodiment-Diskurs, der Phänomenologie, der Psychoanalyse und der Affekttheorie einbeziehen und explizite Verbindungen zur Religionsphilosophie sowie zur theologischen Dogmatik herstellen.
Anmeldung per Mail an Re.Klein@em.uni-frankfurt.de

